Sonntag, 29. Mai 2011

Wahnsinniges Glück

Wahnsinn
Was hier passiert
Der Zahlenteufel hat sich eingeschlichen
Zahlen sind mehr wert als je zuvor
Obwohl der Westen irrationaler mit ihnen umgeht als je zuvor
Wahnsinn
Was hier passiert
Die Arbeitskollegen unterhalten sich
Die Panik in den kleinen, grauen Augen
Obwohl es ihnen besser gehen müsste als der restlichen Welt
Wahnsinn
Sie steigen jeden Tag ins Auto ohne Nachzudenken
Fahren emotionslos an Unfällen vorbei
Und wenn die kleinste neue Unbekannte in ihrem Leben auftaucht
Die sich als Gefahr herausstellen könnte
Ist das Geschrei laut und allgegenwärtig
Es muss etwas getan werden!
Wahnsinn
Das BIP ist hoch, das Einkommen ist weit überdurchschnittlich
Die Arbeitslosenquote ist niedrig, das Essen ist günstig
Wohnen ist billig, Urlaub gibt's viel
Die Sonne scheint schon seit drei Monaten
Die Steuereinnahmen sind 100 Milliarden über dem Plan
Wir haben 10-Jahres-Pläne, 3-Jahres-Verträge, 6-Monats-Statustreffen
Wir haben Baufinanzierungspläne, Riester-Renten, Aktienfonds
Alles ist perfekt durchdacht

Das Problem ist die Zielfunktion
Denn was will man denn optimieren?
Welche Zahlen müssen hoch sein, welche klein
Und zu welchem Zweck?
Das scheint niemandem so recht klar zu sein
Meiner Meinung nach liegt hier das Problem
Sie sind ganz durcheinander durch all die Einsen, Zweien, Siebenen und Dreien
In der Schule haben sie die Mathematik nie gemocht
Und plötzlich ist sie überall!
Es muss falsch sein...
Denn sonst würden sie nicht die Wochenenden in Arbeitszimmern verbringen
Um Steuererklärungen auszufüllen
Um den Handybetreiber zu wechseln
Um den Stromanbieter zu wechseln
Um eine Zusatzversicherung abzuschließen
Um den neuen Dienstwagen auszuwählen
Um noch mehr Geld, Sicherheit und Komfort zu haben
Obwohl es alles schon da ist
Sie erzeugen freiwillig den Mangel an Lust
Weniger straffe Haut, weniger Teint
Weniger
Weniger Glück

Glück, meine Freunde, ist der zu optimierende Zustand
Einzig das Problem ist
Dass man es nicht in Zahlen fassen kann
Dass Politiker keine Tabellen präsentieren können
Die da sagen,
Seht her, wir haben nun mehr Glück
Oder
Am Ende unseres 10-Jahres-Plans steht der Ausstieg aus dem Unglück
Und der Mensch, hier im Westen
Er braucht die verhassten Zahlen
Sonst bewegt er sich gar nicht erst

Montag, 25. April 2011

Gleichheit

Die Welt wird gleich gemacht,
Obwohl nichts gleich ist
Obwohl die Schönheit in der Differenz liegt
Das Lebenswerte
Wie sozialistische Verwirrungen legt es sich über das Land
Über die Welt
Die Rufe nach Gerechtigkeit
Sind fast nie gerecht
Und Gleichmacherei
Ist nicht Gleichberechtigung
Die Toleranz weht auf den Fahnen
Während jeder, der abweicht,
Von den Weichen der Gesellschaft herabfällt
Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit
Die Diskrepanz der Worte
Zwischen dem Redner und dem Verlangten
Die Idee des Kommunismus scheint zunehmend beliebt
Auch wenn es niemand wieder so benennen würde
Wie immer dreht sich alles im Kreis
Und die nachfolgenden Generationen wissen nicht um die Fehler
Die alle schon gemacht worden sind
Sie merken nicht wie gut sie es haben

Dienstag, 19. April 2011

Genug

Es gibt genug zu sagen
Es gibt genug zu feiern
Es gibt genug Menschen
Es gibt genug Probleme
Es gibt genug Worte

Sonntag, 20. Februar 2011

Reflektiert

„Die reflektierte Lebenskunst setzt an bei der Sorge des Selbst um sich, die zunächst ängstlicher Natur sein kann, unter philosophischer Anleitung jedoch zu einer klugen, vorausschauenden Sorge wird, die das Selbst nicht nur auf sich, sondern ebenso auf Andere und die Gesellschaft bezieht.“


Wilhelm Schmid

Freitag, 28. Januar 2011

Der Wanderer

Die Revolution in Kairo nimmt also ihren Lauf. Man darf gespannt sein wie es die nächsten Tage weitergeht... Ich wünsche Fatma und ihren Freunden viel Glück, damit der Spuk schnell vorbei ist, und vor allem, damit das, was folgt, nicht noch schlimmer wird.



Ich arbeite an einem Gedichtsband. Dabei habe ich ein Stück gefunden, das ich schon etwas länger her geschrieben habe. 
Viel Spaß damit,
Matthias Kostka



Der Wanderer



Er kletterte auf den Mont Everest,
Meditierte auf seinem Gipfel
Und ernährte sich von Gletscherwasser

Er wanderte durch das Feuerland,
Hoch, die Seenplatte entlang,
Durch den Amazonas

Er kämpfte mit Tieren,
Mit Tropenregen
Und Tropenkrankheiten

Er schwamm durch den längsten Fluss
Überlebte Parasiten, Blutsauger und Krokodilangriffe
Und einen Vulkanausbruch der sein Dorf in Schutt und Asche zerlegte

Er halluzinierte bei 40 Grad,
Sprach mit sich selbst
Und den Gefährten, den Geistern die er sah

Er wurde wieder klar und lernte,
Über fremde Kulturen
Und den Kern des menschlichen Wesens

Er wanderte die chinesische Mauer entlang,
Traf Buddhas und sprach mit Ghandi,
Lernte Kanji, Hiragana und Katanaka,
Bis er sie irgendwann verinnerlicht hatte
Und die Symbole wie Gemälde malte

Beruhigter Seele zog er weiter

Die Sahara hätte ihn fast verdursten lassen,
Doch er hatte Glück,
Denn eine der vielen Karawanen, die er sah,
War keine Fata Morgana

Sie brachte ihn nach Kairo,
Wo ihm eine Großfamilie aus Giza wieder zu Kräften verhalf
Er blickte auf größten Pyramiden der Welt
Und genoss die größtmögliche Gastfreundschaft

Das Glück was er gehabt hatte war enorm,
Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Rettung unendlich klein
Es war ihm hold,
Wie damals mit den Schlangen in Peru,
Dem ertrunkenen Gefährten in Agua Azul,
Oder bei der Entführung in Kuba

Mit jedem Jahr merkte er mehr wie wichtig der Kopf war
Nicht wie der Körper, der Vergängliche,
Das Wesentliche des Seins

Er schloss sich für drei Jahre ein
Machte Joga, um den Kopf bei Kräften zu halten
Und erlernte in dieser Zeit 7 weitere Sprachen
So dass es in der Summe 19 waren

Am Ende wusste er alles,
Denn er hatte alles gesehen,
Alles gerochen,
Alles verstanden,
Alles gesprochen
Doch eines blieb ihm bis zum Schluss verborgen,
Denn egal wo er war sah er glückliche Gesichter

Donnerstag, 27. Januar 2011

Das Licht der Freiheit für die Ägypter - Being alive with dignity or being dead forever

Meine Facebook-Freundin aus Ägypten, nennen wir sie Fatma, gibt mir seit Jahren durch ihre Statusupdates und die Kommentare ihrer Freunde einen ganz recht guten Einblick in die Seele der Ägypter. Als die Mohamad-Karrikaturen Kontroverse aktuell war, spürte ich Fatmas Wut, als die Fußballer Afrikameister wurden ihre Freude. Ich möchte, aus aktuellem Anlass, ein Paar Worte zu der aktuellen Stimmung loswerden.

2005 habe ich Fatma in Kairo bei einer Tagung teilgenommen und habe sie und ihre Freunde, allesamt Studenten, kennengelernt. Was man damals jeden Tag spürte war die Unfreiheit, vor allem die Unfreiheit der Frauen. Ich kann mehrere Beispiele, die dieses Gefühl hervorgerufen haben, nennen.

- Wir wurden in einem Reisebus zu dem ägyptischen Museum gebracht. Die einheimischen Studenten haben sich bei diesem Ausflug um uns gekümmert. Sie haben zum Beispiel die Tickets am Eingang besorgt, oder bei jeglichen anderen Kommunikationsversuchen mit den Ägyptern geholfen. Fatma lutschte einen Lolly und ich wunderte mich, warum sie von einem Security bei dem Museum wüst beschimpft worden war. Die Erklärung und Folgen für sie schilderte sie mir beim Chatten: Dieses Verhalten "das Lutschen eines Lutschers in der Öffentlichkeit" wurde als nicht anständig angesehen. Der Sicherheitsdienst meldete dieses unsittliche Verhalten bei ihrer Universität. Alle Studenten, die uns begleitet haben, wurden für diesen Ausflug benotet. Ich fragte mich erst einmal "wofür?". Immerhin standen sie bloß herum und haben sich mit uns unterhalten. Bewertet wurde mitunter das sittliche Verhalten. Fatma erhielt die schlechteste Note, weil sie an einem Lolly gelutscht hat. Versaut waren dabei nur diejenigen, die was Versautes dachten.
- Eine andere Studentin (damals etwa 19 Jahre alt) sollte kurze Zeit später verheiratet werden. Damals war sie auch noch eine Facebook-Freundin von mir und ihr Kommentar war "Es ist nicht so schlimm. Ich habe ihn schon drei Mal gesehen." Ich weiß nicht wie, aber sie hat es geschafft diese Hochzeit zu verschieben. Der Aufschub kann jedoch nicht lang gewesen sein.
- Ich war mit einer großen Gruppe Ägypter, weiblich und männlich, essen. Die Stimmung war sehr gut, denn es gab Shishas, es gab sehr gute Gerichte... Um Punkt 10 mussten plötzlich alle Frauen nach Hause gehen. Sie leben entweder bei den Eltern, oder bei ihren Männern, etwas dazwischen gibt es nicht. Dort wird erwartet, dass sie um 22 Uhr zu Hause sind. Eine Gruppe von 10-12 Männern zog also ohne eine einzige Frau weiter und versuchte sich zu amüsieren. Wir spielten zusammen Billard und sie benahmen sich wie Teenager. Ich habe das nicht verstanden, denn Abende ohne Frauen sind auf Dauer wirklich sehr langweilig. Ich hatte das Gefühl, dass viele von ihnen auch nicht so recht wussten, wie sie mit diesem System umgehen sollten...
- Die Mädels wollten unbedingt raus aus Ägypten. Sie biederten sich an, wenn kein Mann in der Nähe war. Sie bemühten sich klarzustellen, dass sie den "Westen" lieben und gute Arbeit verrichten. Gesehen werden wollten sie dabei nicht. Man merkte ihnen den Stress an, wenn jemand Bekanntes um die Ecke kam und sie alleine mit einem ausländischen Mann reden sah.

Nun, das war vor einem halben Jahrzehnt und glücklicher ist zumindest Fatma nicht geworden. Immer schrieb sie, dass sie gerne verreisen oder ganz abhauen würde. Statt dessen blieb sie jedoch im Hause ihrer Eltern und verbrachte ihre Abende vor dem Rechner.

Heute ändert die junge, hübsche Lady jeden Tag ihr Profilfoto. Mal gibt es ein Bild von einer Demonstration gegen das Regime zu sehen, mal ein rotes X, den Aufruf sich gegen Mubarak zu vereinigen. Sie postet "being alive with dignity or being dead forever", sie postet Fotos von Demonstranten, sie postet "Egyptian Revolution Jan 25th,2011 please SHARE", sie postet "Love 2011 the year of the Revolution", aber die meisten Informationen gibt es seit Neustem auf Arabisch. Denn sie ist nicht alleine. "Strength Through Unity, Unity Through Faith", das denken dort zur Zeit einige. Viele der Profilfotos ihrer 300 "Freunde" sind wie ihres, der Revolution angepasst. Man darf gespannt sein auf morgen, den Tag über den sie sagt "Tomorrow it will be our dancing performance in the street". Sie geht für gewöhnlich nicht alleine durch die Stadt, das macht dort niemand. Wenn sie morgen loszieht, wird es eng für Mubarak und seine knallharte Polizei. Ich kann nur Glück wünschen und hoffen, dass es keine, oder zumindest wenig Gewalt gibt. Morgen wird in Kairo etwas passieren. Etwas mehr als bisher.