Dienstag, 16. August 2011

Selbstmord

Ein Student springt von der neunten Etage eines Universitätsgebäudes in den Tod, nachdem er eine Prüfung nicht bestanden hat. Ein Kollege sieht ihn aus seinem Fenster an sich vorbeifliegen und kann die folgenden Tage an nichts anderes mehr denken. Ein Professor wird in den nächsten Wochen noch viel mehr nachdenken, oder er ist schon endgültig abgestumpft. Keine Tageszeitung behandelt das Thema. Es ist wichtiger, dass irgendwer im Big Brother Haus duscht.

Es interessiert kaum, dass so etwas nicht zum ersten Mal an dieser Universität passiert ist.
Es interessiert, ob die Bildungsstatistik stimmt.
Es interessiert wie viel mehr man in den Stundenplan eines Studenten reinquetschen kann.
Es interessiert viele Kleinigkeiten teurer zu machen, weil alle mehr Geld brauchen: Studiengebühren, Bahntickets, Mieten, Personalausweise,...
Es interessiert nicht wie das jemand bezahlen soll, der kein Einkommen hat.
Es interessiert nicht wie man den Studenten helfen kann, das Kleinvieh an Mehrbelastungen zu meistern.
Es interessiert nicht, ob Studenten etwas an den Studiengängen bemängeln.
Es interessiert kaum einen Professor, was die Studenten mit ihrem bisherigen Hintergrund verstehen können.
Es interessiert aber auch kaum einen Studenten, dass Professoren auch Menschen mit Gefühlen sind.
Es interessiert leider nicht, ob ein Student für das Fach, welches er ausgewählt hat, geeignet ist. Ein direktes Ende mit Schrecken (versaute Eingangsprüfung) ist besser als ein jahrelanger Schrecken mit schrecklichem Ende.


Was nützen positive Zahlen, Statistiken, die beweisen sollen, wie gut es uns geht, wenn die Leute durch die Universitäten, die Frimen, die Dörfer und Städte rennen und dreinschauen als wären sie Zombies, die nicht in der Lage sind das Leben zu genießen?

Das deutsche Volk in einer Favela in Rio, es würde ihm helfen, um zu schätzen was es hat und was es braucht. Es würde helfen zu lernen, dass man mit sehr wenig Materiellem glücklich sein kann. Der Zustand einer Gesellschaft kann nicht mit Zahlen gemessen werden - so sehr Statistiken helfen mögen - dazu braucht man lediglich geöffnete Augen. Das Glück jedes Einzelnen muss mehr in den Vordergrund gerückt werden, es sollte in den Zielbestimmungen mehr Wert haben als fiktive Zahlen.

Mit diesen Worten gedenke ich einem jungen Mann, der sein Leben von der neunten Etage eines Berliner Universitätsgebäudes herunterschmiss. Einen sinnloseren Tod eines Menschen gibt es kaum, im Affekt, ohne Reflektion. Doch auch das ist Teil des Problems, jeder Mensch sollte die Zeit haben - und sie nutzen - um zu reflektieren.

Samstag, 30. Juli 2011

Bomben des Glücks

Die Arbeit an meinem zweiten Roman - nach dem Debüt Jack Casablancas' Blues - geht voran. Bisher habe ich etwa 150 Seiten aufgeschrieben, von denen die Hälfte schon weitgehend überarbeitet sind. Der Arbeitstitel Bomben des Glücks weist darauf hin, worum es in der Lektüre geht. Unter gewissen Umständen kann das Unglück Vieler, etwa ein Bombardement, gar ein Krieg, trotz all des Unglücks zum Glück eines Individuums werden. Viele stecken in ihren (zum Teil erfolgreichen) Karrieren fest und schaffen es nicht das Glück überhaupt kennenzulernen. Manchmal bedarf es besonderer Umstände, um dies zu ändern.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Der Killer aus Nanaimo

Nanaimo, Busstation
Nach einer Busfahrt aus Tofino,
Einem kleinen Surferort auf Vancouver Island
Der Hals ist trocken
Ein ehemaliger Club
Jetzt ein christlicher Treffpunkt
Eine Kirche
In der jeden Freitag Cookies, Kaffee und Wasser
Umsonst für alle Reisenden angeboten wird
"Könnte ich wohl kurz rein, mir ein Wasser holen?"
"Ja, selbstverständlich! Nehmen sie auch einen Muffin, sie sind kostenlos!"

Okay, danke
Vor der Tür unterhalte ich mich mit einem alten, alten Mann
Einem Christen,
So wie weiteren Frauen, die der Kirche angehören
Ich finde es sehr großartig, dass diese Leute die Reisenden umsonst verpflegen
Das Gesicht des Alten hat etwas...
Etwas Fatalistisches... in seiner Lebendigkeit
Es hat unglaublich viele Falten
Die Ringe unter den Augen sind nicht zählbar
Und beschreiben eine enorme Traurigkeit
Die braunen Augen zucken hin und her
Ich beiße in den Keks, während ich ihm zuhöre
"Deutschland, aha! Meine zweite Frau war aus Deutschland."
Ein Christ, durch und durch...
"Sie machen Mathematik, aha! Ich war Ingenieur
Deutschland hat die besten Ingenieure der Welt!
Mein Betreuer im Studium war Deutscher
Er war sehr streng,
Aber was soll ich sagen, hehe,
Ich habe wohl sehr viel von ihm gelernt,
Er war eine Ikone in seinem Gebiet."

Die Ladys unterhalten sich, sie sagen,
Die Kirche wäre mal ein Club gewesen,
Ein verruchter Ort
Darauf springt der Alte sofort an
"Ich war auch nicht immer ein guter Mensch,
ganz und gar nicht!
Es hat lange, lange gedauert, bis es soweit war
Ich war ein Killer, wisst ihr?
Als ich rauskam haben sie mir eine Klammer um den Fuß gemacht,
So dass ich nicht aus dem Haus konnte."

Ich schaue mir sein Gesicht noch einmal genauer an
So traurig,
So wirr, aber ein Killer?
Eigenartig, gewiss, aber ein Killer?
Ein KILLER?
Hatte ich mich verhört?
Ist mein Englisch doch zu schlecht?
"Jahrzehnte war ich im Gefängnis,
Und habe schließlich gelernt gut zu sein,
Aber es hat professionelle Hilfe gebraucht
Wochen und Monate mit Psychoanalysten
Es lag an meiner Jugend
Ich habe sie umgebracht,
Weil ich als Teenager sexuell missbraucht worden war
Ich bin endlich ein guter Mensch,
Aber ihr seht wie viel Arbeit das gekostet hat."


Im Bus hatte ich noch darüber nachgedacht,
Dass die Gespräche in Amerika meist oberflächlich ablaufen
Ein dünner Film, nanoskopische Dicke,
Darunter nichts
Stundenlanger Small-Talk

Jetzt habe ich es geführt,
Das Gespräch, das unter die Haut geht
Mit einem kanadischen Mörder

Donnerstag, 7. Juli 2011

Gaga

Ein paar Worte zum System

Ein System, das uns viel gebracht hat

Reichtum
Reisefreiheit
McDonalds
Essen ohne Ende
Häuser
Autos
Meinungsfreiheit
Madonna
Britney Spears
Lady Gaga
Kreativität

Doch die Logik ist nicht sehr beliebt
In dem System
Das auf den Spaß baut

Ich liebe den Spaß...

Aber man muss den klugen Gedanken achten
Sonst endet man wie die Nordamerikaner
Schwabbelig
Im Stau
Ohne Freunde
Und ohne Geld
Verkauft an die Chinesen

Es will schon jetzt niemand mehr rechnen
Was vielleicht besser ist
Wenn man sich Verschuldungen der westlichen Länder anschaut
Und weiß wie exponentielles Wachstum funktioniert

Jeder Finanzminister meiner Zeit
Zeigt Balkendiagramme
Auf denen steht wie in 4 Jahren
Die jährliche Neuverschuldung gen Null geht
Jeder Finanzminister meiner Zeit
War etwa doppelt so alt wie ich jetzt
Hat jeden Finanzminister meiner Zeit reden hören
Und hat seine Balken gesehen
Dennoch stellt er sich dahin
Und sagt voller Überzeugung wie es sein wird

Es fasziniert mich
Es distanziert mich von der Politik
Die so furchtbar gaga ist
Obwohl sie wichtiger ist als alles andere
Die so furchtbar gaga ist
Wie die Kreativität der Lady
Und die so ehrlich ist
Wie zu Guttenbergs Gewissen rein
Es distanziert mich von den Menschen
Die so furchtbar gaga sind
Und die Worte der Lügner als bare Münze nehmen
Als hätten sie kein Gedächtnis
Als würden die Regierenden ihre Diäten nicht grundlos um die Zahl erhöhen,
Die ein durchschnittlicher Student zum Leben hat

Ein System
In dem niemand Gescheites die wichtigsten Funktionen des Landes besetzten will
Weil er sein Leben im Lady Gaga Land verbringen müsste
Steht auf der Kippe

Donnerstag, 23. Juni 2011

Schubladen

Ost
West
Nord
Süd
Mitte
Links
Rechts
Rot
Schwarz
Gelb
Grün
Europa
Asien
Afrika

Schubladen
Schränke
Aufbewahrungskisten

Es hilft zu differenzieren
Es ist notwendig zur effizienten Kommunikation

Es fördert Vorurteile

Donnerstag, 9. Juni 2011

Kunst und Mathematik

Der Fixpunkt der Integralgleichung
Die Lösung des Problems
Der Differentialgleichung
Der Beschreibung des physikalischen Problems

Warum gähnst du?
Ist es dir nicht schön?
Aber heißt es nicht,
Mathematik, so schön
So schön!
Wie die Strukturen der anderen Künstler,
Sagen sie
Die Bilder, die Skulpturen, die Gedichte
Und dazu noch nützlich...

Doch wenn es wahr ist,
Warum,
Warum zum Henker,
Schläft der dürre Schüler mit zu dicker Hornbrille schon wieder ein
Während die schönen, jungen Menschen in den Galerien sind
Und sich des Lebens erfreuen?

Ich, als Mathematiker, sage euch warum:
Es ist, als würde man ein Gedicht lesen,
Ohne die Sprache zu beherrschen
Erst nach Jahren des Studiums,
Kommt die Schönheit zum Vorschein
Und so versteht niemand
Wie er und sie von Schönheit redet
Weil nicht einmal bekannt ist,
Dass Mathematik eine eigene, sehr komplexe Sprache ist

Montag, 6. Juni 2011

Architektur auf dem Kopf

Manchmal verstehe ich die Welt nicht. Als ob alles quer stehen würde, die neunte Etage im Keller eines kellerfreien Hochhauses. Die Frage, die sich mir heute stellt ist die folgende: Wer vergibt eigentlich Architekturauszeichnungen? Ich sitze in einem 70er Jahre Bau, der eine solche erhalten hat und wegen welcher es schwierig ist, irgendetwas an dem Gebäude zu verbessern. Die Heizungen müssen die giftige Farbe behalten, die sie von Anfang an hatten, egal wie unmodern diese mittlerweile erscheinen mag. Das gilt auch für die anderen verqueren Farben... Aber nun gut, Hässlichkeit ist das Eine, das Andere ist die Funktionalität. Ich befinde mich doch in einem sogenannten Funktionalbau?!? Man würde erwarten, dass dies impliziert, dass alles so funktioniert, wie es den Bedürfnissen der dort Arbeitenden angemessen ist, dass man auf Optik verzichtet, um sich dem zu widmen, was die Leute tatsächlich bei der alltäglichen Arbeit brauchen.
Paperlapapp!
Bei gefühlten hundert Grad sitze ich in diesem Glaskasten, der sich Universitätsgebäude schimpft, ohne Klimaanlage, ohne Luft, ohne Charme. Die elektronisch geregelten Rolläden fahren alle zehn Minuten rauf oder runter, je nachdem wie sie Lust haben. Ich kenne niemanden, der hier arbeitet und je ein gutes Wort über das Gebäude gesagt hat. Und dennoch, das ist vielleicht das Schlimmste, es ist ausgezeichnet mit einem Architekturpreis.

Dann wundert es mich auch nicht, dass so einige Architekten aus Berlin die Plattenbauten am Alex stehen lassen wollen. Schließlich findet man das Haus des Reisens in Lehrbüchern... Bitte? Mahnmähler der Architektur gibt es in dieser Stadt an jeder zweiten Ecke, sie braucht man also nicht vor dem Abriss zu schützen.