Dienstag, 10. Juli 2012

Die Kreativabteilung

Die Textwüsten des Jetzt


Will man ernten,
Muss man sähen.
Will man sähen,
Muss man arbeiten.
Will man arbeiten,
Muss man schweigen.

Es braut sich einiges zusammen,
Hier, aber auch in der regulären Arbeit.
Es sind alles Dinge,
Die den Feinschliff benötigen,
Um überhaupt akzeptabel zu sein,
Dann aber auch,
Um einzuschlagen wie ein Bombe,
Oder zumindest ein Bömbchen.

Alles braucht den Schleim,
Durch den es kriechen kann.
Die Horizonte nähern sich,
Die Synapsen verkleben,
Durch den Saft des Lebens,
Der Kopfeuphorie,
Den Wahnsinn.

Das Großartige Unwissen treibt,
Und der Mut Dinge anzugehen,
Weil man noch nichts erreicht hat,
Bleibt ungebrochen.

Samstag, 21. Januar 2012

Helges letztes Festival

Aska nimmt sich einen Edding, sie geht um den ersten Pavillon herum, durch die vielen, leeren, von Staub und Regen braunen Ravioli- und Bierdosen. Sie fängt an Brains Arm zu bemalen, sie macht das ziemlich gut, sie hat auch genügend platz, denn Brain hat Arme wie andere Schenkel. Es wird eine nackte Frau mit großen Brüsten und einem Schwert. So elegant wie sie das macht, bin ich mir fast sicher, dass sie das Zeug hätte in einem Tätowierstudio zu arbeiten. Sie ist eine dieser Rockerbräute, Wodka aus dem Tetrapack, Headbangen zu Monster Magnet und dabei noch Veganerin.
Jedenfalls kommt Vlog um die Ecke. Vlog, der Betrunkene, der zu viel Trinkende... Er hat eine Glatze und ein Dortmund T-Shirt an. Genauer, er trägt ein "Dort Mund" T-Shirt mit einem Pfeil, der in seinen Schritt zeigt. Er ist der nächste, der den Edding zu spüren bekommt und ihm ist es ja sowieso egal, was man mit ihm macht. Also legt Aska los und bemalt seinen blanken Schädel. Die vorderen zwei Drittel sind letztendlich komplett schwarz, eine schwarz glänzende Jackson-Locke auf der Stirn, ebenso zwei geschwungene Kotletten. Sie schreibt was auf den Hinterkopf und jemand sagt,
“Mal mal ‘nen Riesenpenis“,
worauf hin sie empört entgegnet,
“Bitte? Hallo? Ich habe Niveau, das sieht man doch!“
Auf dem Hinterkopf steht schließlich FREE HUGS!
Das ist sicherlich besser als ein Penis, dennoch wird es Vlog kaum helfen.
Ich gehe mit drei anderen los, Bier in der Hand, Schnaps im Tetrapack. Zwei Typen in verspiegelten Sonnenbrillen spannen ein Seil über den staubigen Weg zwischen den vielen, vielen Zelten. Wir springen locker drüber, auch wenn sich die Welt um mich herum langsam aufzulösen droht. Sie rufen irgendwas hinterher, aber ich kann es nicht verstehen. Musik kommt von allen Seiten, meistens Rock. Ein Kerl haut Kid Rock mit seinem aufblasbaren Bierhalter in den sechs Plastikgläser reinpassen können auf seinen Kopf. Der ist nicht erfreut und schüttet ihm Bier in den Kragen. Daraufhin wird dieser wiederum ernsthaft böse und schüttet sein Bier über Kid Rock. Sie schreien sich an, während sie von allen Seiten mit trunkenen Augen angeschaut werden. Sie geben sich die Hand, umarmen sich, trinken jeder ein Pinnchen Schnaps und gehen wieder auseinander. Kid Rock sieht nicht aus wie Kid Rock, aber man nennt ihn trotzdem so. Als der andere Typ weg ist, sagt er,
“Ich hatte noch zu viel Bier. Das musste weg, weil ich es nicht auf das Festivalgelände mitnehmen kann.”

Bei der Einlasskontrolle sollen wir die Deckel von unseren Tetrapacks abgeben. Auf Festivals, den Horten der Anarchie, lässt man sich nicht gerne etwas sagen, und so können Rebellen hier kleine Siege feiern. Wir gehen aus der Schlange raus, nehmen die Deckel ab, packen sie in unsere Taschen und stellen uns wieder an. Wir passieren die Schranken, holen die Deckel aus den Taschen und schrauben sie wieder auf unsere Tetrapacks.
Ich rauche nicht, aber jetzt stoppe ich einen der vielen Zigarettenverkäufer und kaufe mir eine Packung Marlboro Lights. Ich stelle mich damit an einen der Wellenbrecher und schaue mir Monster Magnet an. Der Sänger ist etwas fett geworden, aber was soll’s, auch Rocker mit “balls made of steel”, wie sie selbst sagen, werden alt. Ich wippe ein wenig mit, Kid Rock labert mit irgendwelchen Tussis. Ich schaue sie mir an. Die eine trägt eine riesige Sonnenbrille, hat große Brüste und ist eigentlich ganz niedlich. Sie sucht Feuer und ich biete ihr meins an. Sie lächelt mich dankbar an und ich drehe mich wieder zur Musik. Sie fängt irgendwann an auf meinem Rücken zum Takt zu trommeln. Ich ignoriere sie. Ich habe keinen Bock drauf und will nur die Bands hören.
Später, als die Tetra Packs leer sind und alles seltsam einfach und fröhlich ist, hüpfen die Leute wie bescheuert herum. Da die Sonne seit Tagen auf den sandigen Boden geschienen hat, werden Milliarden Sand- und Staubkörner zu dicken, braunen Wolken aufgewirbelt. Da kann man noch so viele Zigaretten rauchen, sie können nicht mehr schaden als das. Alle sind dreckig im Gesicht, die Popel sind schwarz, der Dreck in den Augen ist schwarz, alles klebt, alles stinkt.
Aska taucht mit den anderen Chaoten auf. Wir schauen uns die Foo Fighters an und sie kommt ab und zu an, um mit mir rumzuhüpfen. Ich mache mit und wische mir mit den dreckigen Händen durch die Augen um die Staubklumpen rauszuholen. Ich schaue mir den alten Grohl an. Er ist immer noch einer von den Guten. Nur seine Ansagen sind für den Arsch... Ja, krass, “fuck”, jedes zweite Wort, das ist vielleicht in den USA rebellisch. Man kennt den Grohl doch, ihn und seine für gewöhnlich klare, gehobene Sprache.
Ich habe keine Lust auf Aska oder sonstwen, also gehe ich nach dem Konzert alleine in das Bierzelt. Ich glaube es immer noch nicht. Es kann einfach nicht sein, dass ich auf einem Festival bin und dass das einzige was mir imponieren kann, ein Triangelsolo ist.

Ich bin zu alt für den Mist.

Sonntag, 1. Januar 2012

Alle Jahre wieder

Kommt Silvester
Kommen sie aus den Löchern gekrochen
Die nie feiern
Die nie singen
Und ihre Böller in den Himmel schießen
Etwas Zeit gewinnen
Ohne nachdenken
Etwas Zeit verschwenden
Durch den eigenen Smog rennen
Um danach wieder in das System zu springen
Und zu vergessen
Und das gleiche zu sagen was die Vorgänger

Noch drei Monate der Kälte
Vielleicht kommt der Schnee
Vielleicht bleibt es warm
Frühling, Knospen blühen auf, Vögel zwitschern
Kurze Röcke, kurze Nächte,
Familiendrama und Holocaust,
Sommerferien, Sommerloch
Politik, Nahoststabilisierung
Geeintes Europa, Kriminalitätsstatistiken
Terror, Kriege, Wirtschaftswunder
Herbst, Blätter fallen, Vögel gehen
Silvesterplanung
Politiker gestützt
Politiker gestürzt
Schneechaos und die Bahn
Die Bahn!
Der Präsident schickt das Jahr in den Schlaf
Der Weihnachtsmann sorgt für Übergewicht
Die Kanzlerin schickt das Volk ins neue Jahr
Die Mama der Nation

Die Sonne scheint auf eine glatte Schneedecke
Ein Eiszapfen fällt vom Baum
Stille, nur das Knistern des Schnees, wenn man ihn betritt
Auch das ist immer das Gleiche
Nur, dass dies der Seele gut tut

Dienstag, 16. August 2011

Selbstmord

Ein Student springt von der neunten Etage eines Universitätsgebäudes in den Tod, nachdem er eine Prüfung nicht bestanden hat. Ein Kollege sieht ihn aus seinem Fenster an sich vorbeifliegen und kann die folgenden Tage an nichts anderes mehr denken. Ein Professor wird in den nächsten Wochen noch viel mehr nachdenken, oder er ist schon endgültig abgestumpft. Keine Tageszeitung behandelt das Thema. Es ist wichtiger, dass irgendwer im Big Brother Haus duscht.

Es interessiert kaum, dass so etwas nicht zum ersten Mal an dieser Universität passiert ist.
Es interessiert, ob die Bildungsstatistik stimmt.
Es interessiert wie viel mehr man in den Stundenplan eines Studenten reinquetschen kann.
Es interessiert viele Kleinigkeiten teurer zu machen, weil alle mehr Geld brauchen: Studiengebühren, Bahntickets, Mieten, Personalausweise,...
Es interessiert nicht wie das jemand bezahlen soll, der kein Einkommen hat.
Es interessiert nicht wie man den Studenten helfen kann, das Kleinvieh an Mehrbelastungen zu meistern.
Es interessiert nicht, ob Studenten etwas an den Studiengängen bemängeln.
Es interessiert kaum einen Professor, was die Studenten mit ihrem bisherigen Hintergrund verstehen können.
Es interessiert aber auch kaum einen Studenten, dass Professoren auch Menschen mit Gefühlen sind.
Es interessiert leider nicht, ob ein Student für das Fach, welches er ausgewählt hat, geeignet ist. Ein direktes Ende mit Schrecken (versaute Eingangsprüfung) ist besser als ein jahrelanger Schrecken mit schrecklichem Ende.


Was nützen positive Zahlen, Statistiken, die beweisen sollen, wie gut es uns geht, wenn die Leute durch die Universitäten, die Frimen, die Dörfer und Städte rennen und dreinschauen als wären sie Zombies, die nicht in der Lage sind das Leben zu genießen?

Das deutsche Volk in einer Favela in Rio, es würde ihm helfen, um zu schätzen was es hat und was es braucht. Es würde helfen zu lernen, dass man mit sehr wenig Materiellem glücklich sein kann. Der Zustand einer Gesellschaft kann nicht mit Zahlen gemessen werden - so sehr Statistiken helfen mögen - dazu braucht man lediglich geöffnete Augen. Das Glück jedes Einzelnen muss mehr in den Vordergrund gerückt werden, es sollte in den Zielbestimmungen mehr Wert haben als fiktive Zahlen.

Mit diesen Worten gedenke ich einem jungen Mann, der sein Leben von der neunten Etage eines Berliner Universitätsgebäudes herunterschmiss. Einen sinnloseren Tod eines Menschen gibt es kaum, im Affekt, ohne Reflektion. Doch auch das ist Teil des Problems, jeder Mensch sollte die Zeit haben - und sie nutzen - um zu reflektieren.

Samstag, 30. Juli 2011

Bomben des Glücks

Die Arbeit an meinem zweiten Roman - nach dem Debüt Jack Casablancas' Blues - geht voran. Bisher habe ich etwa 150 Seiten aufgeschrieben, von denen die Hälfte schon weitgehend überarbeitet sind. Der Arbeitstitel Bomben des Glücks weist darauf hin, worum es in der Lektüre geht. Unter gewissen Umständen kann das Unglück Vieler, etwa ein Bombardement, gar ein Krieg, trotz all des Unglücks zum Glück eines Individuums werden. Viele stecken in ihren (zum Teil erfolgreichen) Karrieren fest und schaffen es nicht das Glück überhaupt kennenzulernen. Manchmal bedarf es besonderer Umstände, um dies zu ändern.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Der Killer aus Nanaimo

Nanaimo, Busstation
Nach einer Busfahrt aus Tofino,
Einem kleinen Surferort auf Vancouver Island
Der Hals ist trocken
Ein ehemaliger Club
Jetzt ein christlicher Treffpunkt
Eine Kirche
In der jeden Freitag Cookies, Kaffee und Wasser
Umsonst für alle Reisenden angeboten wird
"Könnte ich wohl kurz rein, mir ein Wasser holen?"
"Ja, selbstverständlich! Nehmen sie auch einen Muffin, sie sind kostenlos!"

Okay, danke
Vor der Tür unterhalte ich mich mit einem alten, alten Mann
Einem Christen,
So wie weiteren Frauen, die der Kirche angehören
Ich finde es sehr großartig, dass diese Leute die Reisenden umsonst verpflegen
Das Gesicht des Alten hat etwas...
Etwas Fatalistisches... in seiner Lebendigkeit
Es hat unglaublich viele Falten
Die Ringe unter den Augen sind nicht zählbar
Und beschreiben eine enorme Traurigkeit
Die braunen Augen zucken hin und her
Ich beiße in den Keks, während ich ihm zuhöre
"Deutschland, aha! Meine zweite Frau war aus Deutschland."
Ein Christ, durch und durch...
"Sie machen Mathematik, aha! Ich war Ingenieur
Deutschland hat die besten Ingenieure der Welt!
Mein Betreuer im Studium war Deutscher
Er war sehr streng,
Aber was soll ich sagen, hehe,
Ich habe wohl sehr viel von ihm gelernt,
Er war eine Ikone in seinem Gebiet."

Die Ladys unterhalten sich, sie sagen,
Die Kirche wäre mal ein Club gewesen,
Ein verruchter Ort
Darauf springt der Alte sofort an
"Ich war auch nicht immer ein guter Mensch,
ganz und gar nicht!
Es hat lange, lange gedauert, bis es soweit war
Ich war ein Killer, wisst ihr?
Als ich rauskam haben sie mir eine Klammer um den Fuß gemacht,
So dass ich nicht aus dem Haus konnte."

Ich schaue mir sein Gesicht noch einmal genauer an
So traurig,
So wirr, aber ein Killer?
Eigenartig, gewiss, aber ein Killer?
Ein KILLER?
Hatte ich mich verhört?
Ist mein Englisch doch zu schlecht?
"Jahrzehnte war ich im Gefängnis,
Und habe schließlich gelernt gut zu sein,
Aber es hat professionelle Hilfe gebraucht
Wochen und Monate mit Psychoanalysten
Es lag an meiner Jugend
Ich habe sie umgebracht,
Weil ich als Teenager sexuell missbraucht worden war
Ich bin endlich ein guter Mensch,
Aber ihr seht wie viel Arbeit das gekostet hat."


Im Bus hatte ich noch darüber nachgedacht,
Dass die Gespräche in Amerika meist oberflächlich ablaufen
Ein dünner Film, nanoskopische Dicke,
Darunter nichts
Stundenlanger Small-Talk

Jetzt habe ich es geführt,
Das Gespräch, das unter die Haut geht
Mit einem kanadischen Mörder

Donnerstag, 7. Juli 2011

Gaga

Ein paar Worte zum System

Ein System, das uns viel gebracht hat

Reichtum
Reisefreiheit
McDonalds
Essen ohne Ende
Häuser
Autos
Meinungsfreiheit
Madonna
Britney Spears
Lady Gaga
Kreativität

Doch die Logik ist nicht sehr beliebt
In dem System
Das auf den Spaß baut

Ich liebe den Spaß...

Aber man muss den klugen Gedanken achten
Sonst endet man wie die Nordamerikaner
Schwabbelig
Im Stau
Ohne Freunde
Und ohne Geld
Verkauft an die Chinesen

Es will schon jetzt niemand mehr rechnen
Was vielleicht besser ist
Wenn man sich Verschuldungen der westlichen Länder anschaut
Und weiß wie exponentielles Wachstum funktioniert

Jeder Finanzminister meiner Zeit
Zeigt Balkendiagramme
Auf denen steht wie in 4 Jahren
Die jährliche Neuverschuldung gen Null geht
Jeder Finanzminister meiner Zeit
War etwa doppelt so alt wie ich jetzt
Hat jeden Finanzminister meiner Zeit reden hören
Und hat seine Balken gesehen
Dennoch stellt er sich dahin
Und sagt voller Überzeugung wie es sein wird

Es fasziniert mich
Es distanziert mich von der Politik
Die so furchtbar gaga ist
Obwohl sie wichtiger ist als alles andere
Die so furchtbar gaga ist
Wie die Kreativität der Lady
Und die so ehrlich ist
Wie zu Guttenbergs Gewissen rein
Es distanziert mich von den Menschen
Die so furchtbar gaga sind
Und die Worte der Lügner als bare Münze nehmen
Als hätten sie kein Gedächtnis
Als würden die Regierenden ihre Diäten nicht grundlos um die Zahl erhöhen,
Die ein durchschnittlicher Student zum Leben hat

Ein System
In dem niemand Gescheites die wichtigsten Funktionen des Landes besetzten will
Weil er sein Leben im Lady Gaga Land verbringen müsste
Steht auf der Kippe